Sonntag, 30. März 2014

Ein Medien-Manger auf den Spuren der Weiblichkeit: DIE FRAU IN MIR von Christian Seidel


(C) Random House
Die Zeit titelt diese Woche: "Der Mann von heute - Er darf über sich selber lachen. Im Testosteron baden. Zum Therapeuten laufen, sogar eine Chefin haben: Wann ist Mann noch ein Mann?" 

Die Reihe der möglichen Neuerungen in einem Männerleben lässt sich beliebig erweitern. Der Mann von heute - Christian Seidel - geht auf die Suche nach seiner inneren Frau. Ein Experiment das polarisiert. Die einen macht es neugierig, die anderen verunsichert es, viele stößt es ab. Doch auf jeden Fall ist es nicht immer ganz einfach zu verstehen.

Christian Seidel ist ein bekannter Unternehmer  in einer Männer dominierten Medienwelt . Als Filmproduzent hat er sich einen Namen gemacht, drüber hinaus auch als Journalist, Autor und Berater. Die Vielfalt seiner Projekte zeichnen ihn als explorativen Charakter aus, der sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen will.

Dem verheiratetem Journalist geht die klassische Männerrolle auf den Keks. So sieht er sich selbst als Neo-Macho in einer Welt voll weiterer Neo-Machos, die alle unter dem Zwang leben, ein gewisses Männerideal erfüllen zu müssen.  Dabei scheint ihm, immer ein Teil zu fehlen, wie ein herausgeschnittenes Kuchenstück in einer ganzen Torte. Weil ihm die Welt der Frauen so viel heller und freundlicher scheint, begibt er sich dort auf die Suche. Auf die Suche nach seiner Weiblichkeit, auf die Suche nach seiner inneren Frau. 

Seine 'Privatrevolution' führt ihn durch ein komplettes Umstyling: Falsche Brüste, BH, Perücke, Damenkleidung, Schuhe und jede Menge Kosmetik. In den Fachgeschäften begegnen ihm andere Männer, die aus Transsexualitäts- oder Fetischgründen dort einkaufen. Meistens anonym.  Doch Versteck spielen will Christian nicht, er will in die Öffentlichkeit damit das Experiment gelingen kann. Als seine Frau davon erfährt ist sie schockiert. Sie hat doch einen "Mann" geheiratet und fürchtet gravierende Beziehungsprobleme.

Als "Christiane" besucht er  Laufkurse für High Heels, Damenkränzchen und sogar einen Frauenarzt. Der Arzt gibt ihm bei dieser Gelegenheit eine anschauliche Lehreinheit über den üblichen Verlauf eines Gynäkologenbesuches und die biologischen Vorgaben eines echten weiblichen Körpers.

"Absurderweise fühle ich mich als Frau nicht verkleidet, sondern als wäre das normal für mich. Und als wäre ich von einem schweren Gewicht entlastet. Von dieser Männlichkeitsidentität."
"Und deswegen willst Du jetzt eine Frau sein?"
"Ich werde nie eine Frau sein können" erwiderte ich. "Ich bin ein Mann, dazu stehe ich auch. Aber was ich neuerdings erlebe, ist so überraschend und inspirierend. Ich will warten, bis diese Quelle versiegt oder mich nicht mehr interessiert."

Immer wenn Christian zu Christiane wird, erlebt er ein großes Gefühl der Entspannung. Endlich ist er den Zwängen des Mann seins entkommen und er findet Muße, die Männer aus seiner neuen weiblichen Abstandshaltung heraus zu beschreiben. Weibliche Leserinnen haben die Gelegenheit in diesen Passagen einiges über die Männerwelt herauszulesen. Eben diese Männerwelt begegnet ihm aber überwiegend mit Skepsis und unverholener Ablehnung. Viele Freunde sehen ihn als Spinner und wenden sich ab.
In der Welt der Frauen trifft Christiane auf weit größeres Verständnis und viel echtes Interesse.

Der Autor vermutet im Frau sein etwas "urgewaltiges", doch seine Freundinnen warnen ihn, die Frauen nicht zu sehr zu glorifizieren. Der Balanceakt zwischen den Geschlechtern gefährdet schließlich seine Ehe und seine gesamte Existenz und findet nach einem Jahr Rollenwechsel ein Ende.

Ich habe den Eindruck, dass Christiane die Welt der Frauen aus einer höchst oberflächlichen Perspektive erlebt. Sie erfährt zu wenig von Ihren wirklichen Schwierigkeiten in Gesellschaft und Beruf oder nimmt diese Aspekte des "Frau seins" erst gar nicht unter die Lupe. Christian Seidel schreibt wunderbar lebhaft und anschaulich, seine Passagen sind sehr reflektiert und gut nachvollziehbar. Doch auf der Suche nach der inneren Frau stehen mir persönlich die Äußerlichkeiten, wie Make up und Nagellack etwas zu sehr im Vordergrund.
Obwohl ich mir die Lektüre mit echtem Interesse ausgesucht habe, bleibe ich beim Lesen die ganze Zeit skeptisch. So richtig kann ich dem Autor seine experimentellen Beweggründe nicht abnehmen. Ganz ungewollt fühle ich jedoch heftig mit seiner Frau, die das ungewöhnliche Projekt ihres Mannes mit tragen muss.

Ein offenes und authentisches Sachbuch für alle, die sich gerne mit Inhalten zur Geschlechteridentität auseinandersetzen möchten.
Eure Caroline Schultz

Die Frau in Mir. Ein Mann wagt ein Experiment.
Paperback. Heyne Verlag.
Januar 2014
Preis:12,99 €



Christian Seidel (*1959) ist ein deutscher Autor, auch Schauspieler und Journalist. Im Zusammenhang mit seiner ehemaligen Tätigkeit als Filmproduzent, Medienunternehmer und Berater von Persönlichkeiten setzt sich Seidel in seinen Essays und Büchern im Kern mit dem Widerspruch zwischen Image und Wirklichkeit auseinander. Seidel beschäftigt sich intensiv mit fernöstlichen Philosophien, ist verheiratet und lebt in München und Italien.










Kommentare:

  1. Interessant, ich habe neulich ein Interview mit Christian Seidel gesehen - und denke seitdem, dass ich sein Buch mal lesen möchte. Ein lustiger Zufall, dass mein Weg über die Ironblogger auf deine Seite als Erstes auf einen Artikel über dieses Buch führt. Ein schicksalhafter Wink mit dem Zaunpfahl? Werde deine kritischen Beobachtungen auf jeden Fall im Hinterkopf haben, wenn ich es lese.

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  2. Liebe Eva, danke für Deinen Kommentar :)! Lass mich bitte auch an Deinen Gedanken teilhaben, wenn Du es liest. Eine zweite Meinung hierzu finde ich sehr spannend!!

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  3. Liebe Caroline,

    ich weiß nicht, ob du es schon gesehen hast, ich habe dich nominiert: http://wp.me/p1S2fw-c5.

    Viel Spaß mit den Fragen und Antworten!

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  4. Danke, meine Liebe! Ich hatte es noch nicht gesehen, aber ich werde mich schnellstens an die Beantwortung der Fragen machen. LG

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