Montag, 14. Januar 2013

Aller Tage Abend - Roman

Mit freundlicher Genehmigung
 von Random House
Eine anspruchsvolle Buchschönheit

Aller Tage Abend Jenny Erpenbeck

Dieses Buch muss man wollen, doch ich wünsche mir, dass es viele wollen, denn es ist wunderbar.

Raum- und Zeit umspannend erzählt Jenny Erpenbeck die Geschichte einer einfachen Familie, beginnend in einem galizischen Dorf um 19.00. Sie durchläuft dabei Stationen in ganz Europa, teilweise Amerika und erreicht ihr Finale im Berlin der Gegenwart. Im Zentrum der zarten und kraftvollen Erzählung stehen die möglichen Leben und Lebensentscheidungen der halbjüdischen Tochter und ihrer Angehörigen.

„Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, hatte die Großmutter am Rand der Grube zu ihr gesagt. Aber das stimmte nicht, denn der Herr hatte viel mehr genommen, als da war – auch alles, was aus dem Kind hätte werden können, lag jetzt da unten und sollte unter die Erde.“

„Hätte aber zum Beispiel die Mutter oder der Vater in der Nacht das Fenster aufgerissen, hätte eine Handvoll Schnee vom Fensterbrett gerafft und dem Kind unters Hemd gesteckt, dann hätte das Kind vielleicht plötzlich wieder angefangen zu atmen, vielleicht auch zu schreien, jedenfalls hätte sein Herz wieder angefangen zu schlagen,…“

Mit friedlich, erzählerischen Stil überführt sie ihre Leser auf eine höhere Gedankenebene und lässt uns das Leben aus einem Winkel betrachten, den wir vormals nie betreten haben. Voller kleiner Dinge und scheinbar unwichtiger Vernetzungen, knüpft Jenny Erpenbeck mit ihrer leisen poetischen Sprache eine Geschichte die uns mitnimmt und fortträgt. Ihre Fragen wirken auf uns, erzeugen ein Gefühl von Klarheit und gleichzeitiger Verwirrung.
Jenny Erpenbeck verzichtet fast vollständig auf Namen und der Leser muss die Personen anhand der verwandtschaftlichen Beziehungen auseinander halten. Tochter, Mutter, Großmutter, Vater, Schwester, Vetter, Freund, Freundin, Sohn. Was zunächst experimentell anmutet, erweist sich als brillantes Stilmittel für die Gewichtung und Ausarbeitung der Beziehungen in der Familie.
Jenny Erpenbeck Frankfurter Buchmesse 2012



Jenny Erpenbeck Frankfurter Buchmesse 2012
Jenny Erpenbeck wurde  1967 als Schriftsteller-tochter in Ost-Berlin geboren und hat sich bereits als Regisseurin und Buchautorin einen Namen verdient.
1999 erschien ihr Debüt „Geschichte vom alten Kind“ Nach weiteren Veröffentlichungen feierte sie zuletzt mit Ihrem Roman „Heimsuchung“ einen großen Erfolg bei Publikum und Kritik.


Mit ihrem vorliegenden Roman „Aller Tage Abend“ wurde Jenny Erpenbeck verdientermaßen für die Longlist des deutschen Buchpreises 2012 nominiert


Wer einen reinen Unterhaltungsroman sucht, ist mit diesem Buch sicher schlecht beraten, wer aber eine Geschichte, quer durch die Epoche mit Reflektion und Nachhall mag, der sollte sich: „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck nicht entgehen lassen.

Ich kann lediglich meine Aussage von oben wiederholen: „Dieses Buch muss man wollen, doch ich wünsche mir, dass es viele wollen, denn es ist wunderbar.“

Caroline Schultz

Nun erhält Jenny Erpenbeck für den vorliegenden Roman den Evangelischen Buchpreis 2013: http://www.evangelischerbuchpreis.de/preistraeger/2012.html

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