Samstag, 4. August 2012

Eine ostdeutsche Familiengeschichte - Haltet Euer Herz bereit - MAXIM LEO




„Und als sie am nächsten Morgen aufwachen, ist die DDR schon fast verschwunden.“



MAXIM LEO    Haltet Euer Herz bereit

Mit einer unklaren Vorstellung und der Skepsis eines Geschichtsmuffels, aber doch angezogen von der Medienpräsenz des Autors und den allgemeinen Lobeshymnen erwählte ich HALTET EUER HERZ BEREIT – Eine ostdeutsche Familiengeschichte zu meiner Lektüre. Bin über alle Maßen begeistert! Dieses Buch hat für mich eine Lücke geschlossen.

Vergleichbar mit einem talentierten Fremdenführer nimmt Maxim Leo uns an die Hand und lässt seine Leser wie ein weiteres Familienmitglied vertrauensvoll an den beachtlichen Erfahrungen seiner Familienangehörigen teilnehmen. Diese Erfahrungen, entfaltet auf der Basis der familiären Beziehungen, reichen von menschlicher Schwäche bis Heldenhaftigkeit. Seinen entschlossenen Großvater Gerhard, der als 17jähriger in der französischen Résistance gegen die Nazis kämpfte, lernen wir z. B. zunächst, sehr schwach und privat, im Krankenhaus kennen. Ebenso privat beginnt Maxim Leo auch seine eigene Geschichte. Mit seiner klaren, schnörkellosen Sprache und seinem trockenem Witz zeichnet er, wie ein Maler, ein exaktes Bild seiner unkonventionellen Eltern und seiner frühen Erinnerungen an die DDR der siebziger Jahre. Beschreibungen der „bemalten Lederjacke“ oder des ungewaschenen „grauen Trabants mit schwarzgelber Bemalung“ geben seiner Kindheit einen Wiedererkennungswert und dem Leser ein plastisches und greifbares Verständnis dafür, warum er sich laut eigener Aussage zum „Spießer“ entwickeln musste.

Seine Kindheit und die frühen Ehejahre der Eltern bilden einen Zeitrahmen für eine Bestandsaufnahme der damaligen DDR und somit den Ausgangspunkt für eine Zeitreise in die ereignisvollen Leben zwei völlig verschiedener Großväter. Während Gerhard  im Untergrund gegen die Nazis kämpft, gerät Werner als Wehrmachtssoldat in französiche Gefangenschaft. Packend wie ein Thriller lesen sich die meist lebensbedrohlichen Erfahrungen dieser Generation. Emotional nachvollziehbar werden später Ihre Gründe für den Aufbau eines kommunistischen Arbeiter- und Bauernstaates.

 Eine ganze Bandbreite von Erfahrungen und Haltungen bündeln sich in Maxim Leos Familie und verdichten sich zu den angepassten und weniger angepassten, vielfältigen Lebensstrategien der Familienmitglieder. Der Großvater Gerhard ist zu Lebzeiten ein unantastbares  Denkmal und privilegierter Geheimnisträger. Seine Tocher - Maxim Leos Mutter glaubt mit naivem Willen an die Richtigkeit des Systems. Doch stößt sie als Journalistin immer wieder an die Grenzen der Meinungsfreiheit und gerät mit der undemokratischen Realität in Konflikt. Wolf – der Vater findet sein Sprachrohr in der Kunst und rebelliert metaphorisch im Rahmen seiner gestalterischen Möglichkeiten. Maxim Leo lernt früh, dass die Welt aus zwei Wahrheiten besteht: Eine die für die Schule und die Öffentlichkeit gilt und eine intellektuelle Wahrheit, die er zu Hause frei äußern darf.

Maxim Leo gelingt die Balance zwischen der sachlich betrachtenden Perspektive eines Familienforschers und der reflektierten Beobachtung eines persönlich beteiligten Zeitzeugen. Zwischen den Bindungen und unterschiedlichen Überzeugungen seiner Familienangehörigen erzählt er Ihre jeweils eigenen Geschichten und versteht es wie kein anderer die Gefühle von Großvätern, Großmutter, Mutter, Vater, Freunden und sich selbst im mitreißenden Strudel der deutschen und der persönlichen Geschichte zu vermitteln und einzuordnen.

Dieses Buch hat schon viel Beachtung gefunden und noch mehr Beachtung verdient. Für mich hat diese Familiengeschichte eine Lücke geschlossen, da ich erstmalig ein geschlossenes, lebendiges Bild über ein Leben in der DDR und den damit verbundenen Alltag habe. Eine Geschichte die von allen gelesen werden sollte und mir persönlich erst das Gefühl gibt in einer deutschen Einheit zu leben.
Caroline Schultz

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von Random House



Zum Autor:
Maxim Leo wurde 1970 in Ostberlin geboren. Seit 1997 ist er Redakteur bei der Berliner Zeitung und als exzellenter Journalist inzwischen mehrfach preisgekrönt.




















Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen