Montag, 15. Oktober 2018

Special One - Frankfurter Buchmesse 2018
-- Babylon Berlin -- oder "Der nasse Fisch"

Caroline Schultz

Zeitreise nach Berlin
Berlin im Jahr 1929 ist ebenso golden, wie verrucht und verbrecherisch: Die Epoche der Weimarer Republik ist eine Zeit der politischen und sozialen Schwierigkeiten. Kriegstrauma und Armut in der Bevölkerung stehen in scharfem Kontrast zu Freizügigkeit, Glanz und Lebensfreude. Ein Hintergrund der sich bestens für eine gelungene Kriminalgeschichte aus der Feder von Volker Kutscher eignete, der 2007 seinen Roman "Der nasse Fisch" (bei KiWi) veröffentlichte. Das Buch ist seit Jahren ein Dauerbrenner, so dass Filmemacher Tom Tykwer nicht daran vorbeikam und mit seinen Kollegen Achim von Borries und Hendrik Handloegteneine außergewöhnliche, absolut sehenswerte und spannende Serie hieraus schuf. Nachdem "Babylon Berlin" bereits im Pay-TV die Zuschauer gebannt vor dem Fernseher fesselte, ist die Serie aktuell in der ARD und der ARD Mediathek zu sehen.

Frankfurter Buchmesse 2018 - BABYLON BERLIN
Der Publikumsandrang war dementsprechend groß, und ich sehr froh einen guten Platz ergattert zu haben, als Autor Volker Kutscher am Donnerstagmittag dann zum Podiumsgespräch mit Bärbel Schäfer auf der ARD Bühne der Frankfurter Buchmesse erschien.



Autor Volker Kutscher auf der ARD Bühne FBM18
Der sympathische Rheinländer stellte sich den Fragen der Moderatorin hinsichtlich seines Arbeitsstils und sagte, dass er gerne etwas Druck zum Schreiben hat: "Es ist gut wenn einem der Lektor schon ein bisschen im Nacken sitzt, etwas Zeitdruck muss sein."

Seine Romane sind alle detailreich was Bärbel Schäfer als Grund anführt, um Volker Kutscher zu fragen, wo er die Zeit beim Schreiben verliert? Ist es die Recherche? Oder anderswo?
Kutscher erklärt, dass er die meiste Zeit für den Anfang braucht, da er nur sehr grob "plottet" und dann noch vieles neu ist.
Seine Figuren bekommen erst während des Schreibens ihre genauen Konturen.
Per Bauchentscheidung ändert er z. B. Namen, probiert aus und entscheidet dann.
Er hat eine grobe Vorstellung, wie jemand sein soll, aber die Feinheiten kommen erst während des Schreibens. Kutscher sagt: "Ich brauche für die erste Hälfte eines Romans immer länger als für die Zweite!"

...seine Romane machen süchtig
Bärbel Schäfer spricht aus, was alle denken: Babylon Berlin macht süchtig und Volker Kutscher muss seine Leser mit weiterem Stoff versorgen. Wie sieht es da aus?
Das Zeitfenster der 20er Jahre ist begrenzt, wie geht es da weiter, wenn es pro Jahr einen Roman gibt?
Volker Kutscher verweist darauf, dass es sich um eine Reihe handelt, die noch nicht abgeschlossen ist. Kutscher sagt: "Es kommen noch zwei bis drei Bände - Es geht weiter, ich habe vor, noch bis ins Jahr 1938 hinein zu schreiben. Ich möchte es nicht endlos betreiben, aber das ist für mich ein historischer Punkt mit der so genannten Reichskristallnacht bzw. Novemberpogrom, wo für mich diese Geschichte abgeschlossen ist. Da ist das 'Dritte Reich' schon duster und die Dinge die noch kommen sollen... die noch viel grausameren und dusteren Dinge wie der Krieg und der Holocaust"
"Was für mich entscheidend war und der Antrieb war und immer noch ist, das ist, neben der Faszination für die 20er und für die Offenheit dieser Gesellschaft, mit dieser Experimentierfreudigkeit, die ganz einfache Frage, die mich als Historiker und Demokrat und Mensch beschäftigt; Wie konnte das passieren in Deutschland?"

Wie konnte aus der Weimarer Republik - die in meinen Augen - so schlecht gar nicht war das 'Dritte Reich' entstehen? Es gab Dinge die nicht glücklich liefen, aber sie hätte unter ein bisschen anderen Umständen eine Chance gehabt. Doch aus dieser Demokratie ist ziemlich schnell die schlimmste Diktatur geworden, die wir jemals auf deutschem Boden hatten. Diese Frage kann man historisch beantworten... aber für mich wurde die Frage "Warum" nie endgültig geklärt. Das "Warum" wurde nicht aufgelöst und ich glaube, dass man solchen Fragen durch die Fiktion viel viel näher kommen kann, selbst wenn Fiktion Personen erfindet, die es nie gegeben hat und die Dinge tun, die so nicht passiert sind. Aber ich versuche in die Köpfe hineinzugucken dieser Zeitgenossen. 

Bärbel Schäfer fragt nach, wie Volker Kutscher die Figuren findet, die seine Leser durch das jeweilige Jahr leiten.

Volker Kutscher: "Ja, wie finde ich Figuren? Ich versuche die Figuren so zu gestalten, dass ich sie auch spannend finde und was ich persönlich z. B. überhaupt gar nicht mag sind Helden, die alles können, denen alles gelingt, deren einziger Fehler es ist, dass ihnen zu viele Frauen nachlaufen. Das finde ich albern."

Bärbel Schäfer: "Gereon Rath der Rheinländer kommt nach Berlin in diese lebendige und experimentierfreudige Stadt. Es ist ein politisch spannende Zeit. In der Verfilmung gibt es einige neue Verästelungen: Beschreiben sie uns Gereon Rath!

Volker Kutscher: "Was mir wichtig war, er kommt deswegen aus dem Rheinland, weil ich wollte keinen Berliner! Ich wollte jemanden, der von außen auf diese Welt schaut, etwas fremdelt. Auch mit seinem Vornamen Gereon, der stigmatisiert ihn dauernd. Keiner kennt diesen Namen und daher wird er auch dauernd falsch angeredet. Er ist im Roman nicht ganz so extrem Kriegs-traumatisiert wie im Film. Wobei, ich die Entscheidung den ersten Weltkrieg direkt mit in die Handlung reinzuholen gut verstehe. Man war damals in der Nachkriegszeit, die Kriegsinvaliden waren überall präsent. Vom Charakter her, ist Gereon ein bisschen rheinisch, definitiv, in dem Sinne, dass er versucht sich durchzuwurschteln, was wichtig wird, wenn wir mit ihm ins Dritte Reich hineingehen. 
Weil er sich einredet ""ich bin Mordermittler und das ist jetzt nichts politisches und es ist jetzt egal wer Polizeipräsident ist, Sozialdemokrat oder Nationalsozialist. Ich mach den selben Job, was solls, ich werde schon durchkommen."" Das ist natürlich ein Trugschluss, das merkt er nach und nach. Das war mir wichtig, dass er nicht sofort politisch durchblickend ist. Er sieht sich bewusst als unpolitisch und ist charakterlich nicht ganz koscher, weil er es mit der Wahrheit nicht so ganz genau nimmt. Er kann auch ein richtiges Arschloch sein, auch gegenüber Kollegen und auch gegenüber Charlotte Ritter, seiner großen Liebe. Für mich war es wichtig ihn so darzustellen, dass man ihn dennoch mag und mitfiebert, was ihm so widerfährt. Meist schadet er sich mit seinen negativen Charaktereigenschaften selbst viel mehr, als irgendwelchen anderen Leuten."
Schmuckausgabe Babylon Berlin

Bärbel Schäfer bestätigt, dass es definitiv gelingt, dass wir mit Gereon mitfiebern und das wir mit auf die Reise gehen in dieses Berlin und mit seinen Augen sehen. Das sehen, was diese vibrierende Hauptstadt so ausmacht, politisch und auch was das Nachtleben so hergibt. Wie gelingt nun das Loslassen, als klar war das dieses Buch nun verfilmt wird?

Volker Kutscher: "Ich habe schon früh losgelassen, gleich nach dem ersten Gespräch, dass ich mit Tom Tykwer hatte, weil es direkt um Inhalte ging und Tom vor Ideen sprudelte z. B. die Szene am Paternoster, wo Charlotte und Gereon sich kennenlernen. Ich war mir sicher, da ich alle drei Drehbuchautoren und Regisseure sehr schätze, dass meine Geschichte in guten Händen ist. Ich wollte sie in ihrer Vision, die sie hatten nicht stören. Mein Wunsch war, dass sie dem Grundthema treu bleiben."
Es ging darum die Perspektive einzuhalten, denn 1929 konnte sich niemand vorstellen was passieren würde. Das war lachhaft, nicht einmal die meisten Nazis haben daran geglaubt. 
Das darzustellen, dass Zukunft immer offen ist, auch für die damaligen Zeitgenossen, dass haben sie sehr gut hinbekommen. Ich möchte meine Leserschaft in die Bücher hineinziehen, in meine Welt hineinziehen, damit man sich dort zu Hause fühlt. Sich mit den Figuren anfreundet, selbst mit Gereon, der manchmal ein Arschloch ist.
Und das haben die drei Regisseure mit filmischen Mitteln so vortrefflich gut geschafft, man wird hineingezogen in diese Welt.
(...)

Zum Schluss kann noch zusammengefasst werden, dass die Serie auch international ein Erfolg ist, es wurde nur auf deutsch gedreht, aber auch das funktioniert im Ausland. Das ist deshalb erfreulich, denn das Thema ist ja nicht nur ein deutsches, sondern das Thema ist ein internationales, betont Volker Kutscher, denn es zeigt letzen Endes die Fragilität der Demokratie!



Babylon Berlin Filmclip box
Als Fun Factor zum Thema Babylon Berlin gab es noch ein Film Box, darin konnte jeder Interessierte seine schauspielerischen Qualititäten beweisen und für wenige Sekunden Teil des Babylon Berlin Trailers werden: 
Klickt unten und seht selbst, wie gut ich in die Serie passe ....(zwinker)


















1 Kommentar:

  1. Hey ho,

    vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht von diesem Termin. Viele Blogger halten ihre Messeberichte ja eher im "Ich war an Stand XY und habe Blogger / Autor Z getroffen"-Stil und da freut es mich, dass ich jetzt jemanden gefunden habe, der auch ausführlich von den besuchten Terminen berichtet. Gerade, dass du wörtlich zitierst, finde ich echt bewundernswert. Ich komme bei der FBM mit dem MItschreiben oft kaum hinterher.

    Den Wirbel um "Babylon Berlin" habe ich mitbekommen. Leider bin ich überhaupt kein Serienmensch und habe mich daher sehr gefreut, dass es sich hierbei um eine Literaturverfilmung handelt. Die Hörbücher ziehen hoffentlich bald bei mir ein. Interessanterweise habe ich vor ein par Jahren die Hörprobe zu "Munapark" gehört und fand die Geschichte interessant, hatte dann aber vergessen mich genauer damit zu beschäftigen. Und jetzt weiß ich, dass "Munapark" Teil der Reihe ist.

    Nun wünsche ich dir aber ein schönes Wochenende und werde meine Stöberrunde hier wahrscheinlich noch etwas fortsetzen.

    viele Grüße

    Emma

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