Montag, 27. August 2012

Thriller, Psychothriller oder Roman??

Das Alphabethaus

Das Alphabethaus I Jussi Adler-Olsen


„Das Freundschaft ein Bündnis auf Gegenseitigkeit war, das war Bryan schon immer klar gewesen. Dass das Handeln des Einen zum Bruch führen konnte, diese Erkenntnis hatte ihn (…) gequält.(…) Ja. Auch am Nicht-Handeln des Anderen konnte eine Freundschaft zerbrechen.“ (Jussi Adler-Olsen)

Einen spannenden Thriller für die Urlaubsliege wollte ich mir einpacken. Jussi Adler-Olsens Krimis rund um den dänischen Ermittler Carl Mørck hatte ich bereits mit Begier gelesen und ohne groß zu zögern, landete „Das Alphabethaus“ in meinem Koffer. Noch wusste ich nicht, dass mich eine ganz andere Art von Thriller in seinen Bann schlagen würde.

Die eng befreundeten britischen Kampfpiloten James und Bryan stürzen im Winter des Jahres 1944 über deutschem Gebiet ab. Von Hundestaffeln verfolgt bleibt ihre einzige Rettungsmöglichkeit der Sprung auf einen deutschen Lazarettzug. Unter Lebensgefahr entsorgen sie die Leichen von zwei hochrangigen Offizieren durch das Zugfenster und nehmen deren Plätze ein. Begleitet von einer lähmenden Todesangst gelangen die Freunde so in die Nähe von Freiburg in ein Sanatorium für Geisteskranke.

Hier herrschen gnadenlose deutsche Gründlichkeit und Brutalität bei der Aussortierung möglicher Simulanten. Erfolgreich spielen die Freunde eine bedrückende Scharade auf Leben und Tod. Doch durch seine Unfähigkeit auch nur das kleinste bisschen Deutsch zu verstehen, ist Bryan zu totaler Sprachlosigkeit verdammt. Fatal erweist sich eine große räumliche Trennung im Schlafsaal des „Alphabethauses“, wie die Patienten das Sanatorium nennen. Ohne Sprachkontakt bricht die Verbindung zu seinem Freund James immer mehr ab.
Neben den fragwürdigen Elektroschocktherapien der Klinikärzte, machen sich Terror und Schikane unter den Patienten breit. Mit der Zeit wird klar, dass eine ganze Gruppe weiterer Simulanten unter den Insassen ist  und jeden möglichen Gegenspieler unterdrückt oder aus dem Weg räumt. Unerwartet geschehen „scheinbare“ Selbstmorde, die auf das Konto dieser Verbrecher gehen. Die Fälle können weder vom Pflegepersonal noch diensthabenden SS-Offizieren aufgeklärt werden, so dass sich die Schrecken des inneren Terrors weiter fortsetzen.

Der einzige Lichtblick für James ist die junge und engagierte Schwester Petra, in die er sich verliebt. Petra erwidert seine Gefühle im Geheimen und kümmert sich besonders hingebungsvoll um ihn. Doch durch die nicht enden wollende subtile Unterdrückung und die anhaltende fehlerhafte ärztliche Behandlung wird er immer schwächer und kränker. Seine totale Hilflosigkeit treibt ihn letztendlich in eine Opferbeziehung zu der simulierenden verbrecherischen Nazigruppe, die alle Insassen im Alphabethaus kontrolliert.

Bryan entscheidet sich schließlich schweren Herzens dafür, die Flucht ohne seinen Freund zu wagen. Eine Entscheidung die für Beide eine lebenslange Konsequenz haben wird, denn trotz aller Bemühungen bleibt auch bei Kriegsende das Schicksal seines Freundes ungeklärt.

Dreißig Jahre später keimt in Bryan noch einmal Hoffnung auf, den Freund wiederzufinden und so beginnt er in Deutschland, vor der Kulisse der Olympischen Sommerspiele München, mit seiner Recherche. Schnell führen ihn die Spuren nach Freiburg wo sich alle finsteren Bösewichte jener Zeit versammelt haben und der Leser erlebt ein Kapitel der Aufklärung und der Abrechnung, wobei Bryan wieder mehr als einmal in Lebensgefahr gerät.

Jussi Adler-Olsen erzählt angenehm schnörkellos, cineastisch und spannend. Seine Charaktere teilt er für den Leser eindeutig und unmissverständlich in Gut und Böse ein. Ein Werk das optimal in Hollywood als Vorlage für einen packenden und erfolgreichen Blockbuster dienen kann. Trotz des erzählten Zeitsprunges von 30 Jahren und der daraus resultierenden Gliederung in zwei Romanhälften, hält der kontinuierlich wachsende Spannungsbogen und reißt auch bis zum Finale nicht ab.

Mit  Genehmigung des dtv Verlages

Interessanterweise erklärt Jussi Adler-Olsen im Nachwort, dass sein Buch kein Kriegsroman sei, sondern vielmehr eine Geschichte über das menschliche Versagen und wie leicht es passieren kann, dass Menschen einander im Stich lassen. Er sieht Parallelen im Alltag z.B. in der Ehe und im Beruf, aber besonders gilt diese Erkenntnis in Extremsituationen. Aus diesem Grund wählt er den Zweiten Weltkrieg als Schauplatz. Als Sohn eines Psychiaters hatte er bereits in der Phase seines Heranwachsens Einblick in die Welt der „Nervenheilanstalten“ der Fünfziger und Sechziger Jahre; Die hier gesammelten Erfahrungen gaben ihm Anreiz und Hintergrundwissen für seinen Roman.

Jussi Adler-Olsen
Mit freundlicher Genehmigung
von dtv




Egal wie dieses Buch nun letztendlich zu kategorisieren ist, es war eine lohnenswerte Urlaubslektüre die mich zwar manchmal ein bisschen bedrückte, aber dennoch so gepackt hat, dass ich das Ende nicht erwarten konnte.

Caroline Schultz



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